Wenn die Mauern fallen …

Vor über zwanzig Jahren sind die Mauern zwischen Ost und West gefallen, nicht nur die Mauer zwischen Deutschen, nein, Mauern zwischen Blöcken, zwischen Völkern und Systemen. Nach einer fast euphorischen Freude, kam die Ernüchterung, dass man über die ‚Anderen’ wenig, bis gar nichts wirklich wusste, das was man wusste war recht rudimentär und vieles davon waren Vor-Urteile, und auch das ist ganz gleich von welcher Seite man das auch betrachten will. Ja, und erst an dieser Stelle wurden sich die Menschen in klaren, wie tief die ‚Mauern’ saßen, wie tief verankert in ihnen selbst. Viele von uns wollten sich darüber gar nicht klar werden, sondern zeigten auf die anderen, ihre Mankos, ihre Macken, ihre Eigenheiten, so musste man sich das eigene Unverständnis nicht vor Augen führen. Ein völlig menschliches Verhalten an sich, denn es lenkt von einem selbst ab und rückt den anderen ins Licht, aber leider nicht immer in das günstigste. So mussten wir uns alle aufmachen, zuerst einmal unsere eigenen Mauern im Kopf und im Gefühl abzubauen. Tja, und das war oftmals gar nicht so leicht, allein schon wegen der eigenen inneren Widerstände. Denn halt auch der Verlust eines Vorurteils ist ein Verlust, und auch solche Lücke muss dann gefüllt werden. So war es uns noch relativ einfach, die ‚Mauern’ unseres Verstandes abzubauen, denn da ging es um Fakten, um Geschichte und um die Entwicklung der anderen und der eigenen. Doch weitaus schwieriger gestaltete sich der Abbau dieser unsichtbaren Mauern im Gefühl. Denn unsere Gefühlswelt hat halt so ihre eigene Logik, und der auf die Fährte zu kommen, nun das ist nicht immer so leicht. Manche ließen es dann sein, sie wollten sich diesem Prozess gar nicht aussetzen, doch auch sie merkten, dass sie dann so gar nicht mehr dazu gehören, nun, und mal ehrlich, wer will denn das? Also ging es wieder los, zuerst einmal an sich selbst zu arbeiten, um seine Gefühle frei zu bekommen, denn nur so können wir dem anderen wahrhaftig begegnen und ihn kennenlernen. Für manche war das ein leichter Prozess, anderen fiel es etwas schwerer; aber das ist gar nicht so entscheidend, wichtig ist, dass wir versuchen mit größtmöglicher Offenheit auf andere zuzugehen. So erst konnten wir die echte Bereicherung erleben, die unser Land geschenkt bekam, für uns insgesamt, aber auch für jeden einzelnen. Wir durften eine Erfahrung machen, alle miteinander, die uns heiter und fröhlich stimmen könnte, denn auch die Mauern in uns selbst sind größtenteils zu Staub zerkrümelt. Wir haben uns selbst bereichern dürfen und an uns erlebt, dass der Abbau von Vor-Urteilen nun so gar nicht weh tut. Doch was haben wir daraus gelernt, gehen wir nun, ob dieser Erfahrung, offener und freier auf andere zu? Sind wir allgemein vorurteilsloser geworden? Haben wir endlich das Freund-Feind-Denken abgelegt? Leider weit gefehlt. Wir fremdeln weiter, als ob nicht gewesen wäre, nur sind es jetzt halt wieder andere. Nun, welche anderen gerade ‚in’ sind und im ‚Ausgrenzungsmodus’ verweilen, das ist fast unerheblich, denn es sind häufig, von Denkungsart zu Denkungsart, wieder ganz ‚andere’. Da stellt sich doch die Frage, können wir denn gar nicht ohne ‚Feindbild’ leben, benötigen wir den anderen, oder eine ganze Gruppe, der wir Negatives von vornherein unterstellen können? Sind wir Menschen darauf angewiesen andere kleiner zu machen, andere abzuwerten, andere auszugrenzen? Fällt es uns so leichter uns selbst aufzuwerten, weil wir unser eigenes ‚Kleinheitsgefühl’ wenig bis kaum ertragen können? Doch mal Hand aufs Herz: ‚Großartigkeitsgefühle’ auf Kosten anderer, bringt uns das wirklich weiter?

Nein, ich weiß wirklich keine pauschalen Antworten auf all die hier aufgeworfenen Fragen, nur eins ist mir klar, wir dürfen vor unserem Tun die Augen nicht verschließen, es anzusprechen, es zu benennen, ein Problem zu lokalisieren, ist schon der erste Schritt heraus, auch wenn der Weg noch nicht so ganz klar ist. Denn Stillschweigen zu bewahren, hieße im Problem zu verharren. Also gehen wir es an, blicken wir in uns selbst hinein und benennen wir unsere Vor-Urteile, unsere Pauschalierungen. Legen wir sie offen, und ganz für uns selbst, auf den Tisch, schauen wir, von welchen wir uns schneller trennen können, betrachten wir uns die, die wir noch behalten wollen. Innerhalb solcher Prozesse ist wahrlich keine Eile geboten, doch Gemach, ein jeder nach seinem Tempo. Solche Kopf-Mauern sind oftmals solide gebaut, sie einzureißen ist nicht immer leicht, einfacher ist es häufig sie Stück für Stück abzubauen, denn meistens sind sie ja auch so aufgebaut worden. Bisweilen ist das gar nicht so einfach, doch am Ende liegt ein Ziel: Das der eigenen Befreiung. Denn natürlich ‚profitiert’ der Andere, der Ausgegrenzte, aber nur augenscheinlich betrachtet; der eigentliche ‚Profiteur’ eines solchen Prozesses ist man selbst. Denn wir selbst ziehen den Nutzen daraus, uns nicht mit solchem Ballast zu schweren und ständig einen Sack voller Vor-Urteile mit uns herum zu schleppen. Darum können wir uns dann auch wahrlich leichter fühlen. Wir können entlastet daher kommen, auf andere zu gehen und ihnen offen begegnen. Das heißt nicht, dass wir deshalb jeden mögen müssen, nein, ganz und gar nicht, nur wir können ihn dann einfach dort stehen lassen wo dieser dann steht, tja, und wir können dann weiter unseres Weges ziehen, gelegentlich sogar ein wenig beschwingt. So spüren wir uns selbst und unsere Kraft, ganz im Sinne von Honoré de Balzac, der sagte: "Kraft besteht nicht ohne Güte."

So wünsche ich jedem eine wenig beschwerte Zeit …

Bild 1: Fall der Berliner Mauer – Quelle: spiegel.de · Bild 2: Mauer im Kopf – Quelle: webstar.de · Bild 3: Mit Leichtigkeit – Quelle: jimdo.com

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