S•E•X•I•S•M•U•S ► mal ganz persönlich betrachtet

Immer wieder erleben wir, dass gewisse Aufgeregtheiten durch Medien mit mehr oder weniger größere Bevölkerungsbeteiligung wie Wellen durch den Äther ziehen. Erfahrungsgemäß gehen sie so schnell vorbei, wie sie gekommen sind, häufig, wenn ein neues Thema das ‚alte’ ablöst. Zwar kommen dann die Themen noch manchmal als Randbemerkung wieder zum tragen, doch das ist dann nichts was einen hinterm Ofen vorlockt. Natürlich betrifft es mindestens auf einer Seite eine bekannte Person, so wie hier einen Politiker. Nun sind die Zeiten, in denen ein Politiker seinen berühmten ‚Hut’ nahm vorüber, denn einer unserer ganz großen Kanzler machte es seinen nachfolgenden Kollegen vor, was es heißt unliebsame Themen einfach zu ignorieren und sie auszusitzen. In dieser Disziplin versuchten sich nun viele seiner nachfolgen Kollegen, nicht immer klappte es, manche fielen dann vom Himmel, andere landeten unter wenig geklärten Umständen in einer Badewanne, tja, und wieder andere mussten ob es öffentlichen Drucks den Rückzug antreten. Wenn jemand doch so altmodisch ist, nach angeschwippster Autofahrt doch seinen, beziehungsweise ihren ‚Hut’ zu nehmen, so zollt das gleich solch großen Respekt, dass es einer ‚Heiligsprechung’ fast gleich kommt. Durch neue Medien, wie dem Internet, kann sich nun auch jeder berufen fühlen, seinen Senf zum jeweiligen Aufreger dazu zugeben, was auch allem Anschein nach zu einem echten ‚Volksport’ gekommen zu sein scheint. Hier fühlt sich der einzelne wieder ‚mächtig’ an Stühlen zu sägen. In Winterzeiten angenehm, dass man nicht auf die Straße muss wie noch in vergangenen Zeiten, nein, heute ‚schafft’ man beziehungsweise auch frau dies leicht vom heimischen Herd aus. Man muss heute die Themen auch nicht mehr ausführlich diskutieren, denn wir, die Gesellschaft, lässt das in mannigfaltigen Talk-Runden von anderen machen, denn Experten zu welchem Thema auch immer, finden sich reichlich, dahingehend haben die Sender allem Anschein nach, für jedes Thema eine Liste. Dass das auch hier oftmals immer wieder die gleichen Protagonisten sind, nun, auch das scheint kaum jemanden zu stören, wir gewöhnen uns halt an alles. Von einer Streitkultur, einer Ursachenforschung oder einem ringen nach der Wahrheit sind wir zwar immer weiter entfernt, aber auch das scheint nur wenige zu stören, denn durch das kratzen an der Oberfläche kann wenigstens jeder mitreden und das scheint der demokratischen Seele zu genügen. Wie auch immer, meistens lass ich persönlich solche Meinungsstürme an mir vorbei rauschen, mach mir selbst meine Gedanken dazu, überhaupt dann wenn genug Fakten vorhanden sind, doch meistens belasse ich es dabei, nicht weil ich vielleicht dazu keine Meinung habe, sondern weil ich zumeist die betreffende  Angelegenheit differenzierter betrachten möchte. Aus meiner Sicht ist nicht jede Thematik in eine twittergerechte Form von einhundertvierzig Zeichen zu bringen, da das aber weniger dem Zeitgeist entspricht, sag ich mal meistens gar nichts dazu. Doch hatten wir vor einiger Zeit einen ganz kleinen Aufreger, es ging um Sexismus, der kam ganz schnell und unerwartet über die Republik, doch da er nun abgeebbt scheint, will ich mich doch zu Wort melden, weil mich das Thema wirklich bewegt. Nicht der Anlass dessen, denn der liegt lange zurück und betrifft einen Spitzenpolitiker einer äußerst kleinen Partei, der brav den kurzen Meinungsblizzard über sich ergehen ließ und ihn ebenso brav und stoisch aussaß. Nein, auch weder die Häme der einen Seite, noch die Militanz von anderen bewegt mich in diesem Zusammenhang, denn das ‚Spiel’ ging nach bewährtem Muster ab, nein, mich bewegt in diesem Zusammenhang etwas ganz anderes: Die verpasste Chance.

nein + ja sagen lernen

Wir hätten in unsere Gesellschaft die Möglichkeit gehabt, der Problematik des Sexismus und ihres ‚Auslebens’ in all seinen Facetten, ihre Erträglichkeit und natürlich auch ihre Unerträglichkeit zu diskutieren. Wir hätten vielleicht Lösungsansätze finden können, aber vor allem hätte es uns für dieses Thema sensibilisiert, nötig hätten wir es bestimmt. Das uns das Thema Sexualität unser ganzes Leben begleitet, nun, ich denke, dass das sich schon herumgesprochen hat, auch das Sexualität über das Schlafzimmer hinaus eine Bedeutung für uns hat, wäre heute nichts Neues, doch darüber einen Konsens zu finden, wann es über den Scherz, den derben Witz oder die Zote hinaus geht, wann von Sexismus die Rede ist, das wäre einer breiten Diskussion durchaus würdig. Was definieren wir heute unter sexueller Belästigung, was unter Abwertung der einzelnen Person und wie gehen wir alle gemeinsam damit um. Nicht alles ist gerichtsrelevant, nicht alles muss die Justiz ahnden, wenn wir alle, als gesellschaftliche Kraft Grenzen setzen. Das sich solche Grenzen immer wieder verschieben, das ist klar, denn das ist ein gesunder gesellschaftlicher Prozess, doch über eben diesen, eine differenzierte Diskussion anzugehen, so gänzlich ohne Aufreger, nun, das hätte uns durchaus gut zu Gesicht gestanden. Denn wenn wir über den Tellerrand unseres Landes schauen, so sehen wir, dass diese Thematik in fast jedem Land der Erde im Argen liegt, so auch bei uns. Doch fast überall wird ein Schleier, manchmal ist es auch eine dicke Decke des Schweigens, über das Thema gelegt. Warum das so ist? Nun, zum einen glaube ich, dass den meisten Menschen das Vokabular fehlt um wirklich eine rationale unaufgeregte Debatte zu führen, gerade in Hinsicht auf Sexualität, zum anderen besteht für viele gar kein Handlungsbedarf, weil der Status quo als angenehm betrachtet wird und dann geht es ja meistens sowieso ‚nur’ um die Schwächeren innerhalb der Gesellschaft, warum darum viel Aufhebens machen?  So haben wir allem Anschein nach alle verloren, die Experten, die sich nicht meldeten um eine wichtige Thematik anzuschieben. Die Leidtragenden, die sich nicht öffneten, weil ihnen dafür kein Raum geboten wurde und die breiten Masse, wir, die nun weiter mehr oder weniger ‚taub’ und ‚blind’ dem Thema gegenüber stehen darf. Wir haben eine große Chance verpasst und das find ich mehr als bedauerlich.

Ich gehöre wahrlich nicht zu den Menschen, die der Meinung sind, dass früher alles besser gewesen wäre, nein, ganz bestimmt nicht. Jede Zeit hat ihren Reiz und ihre Unzulänglichkeiten, dass ist auch völlig ok, denn daraus können wir lernen, können wir stärker werden, na, jedenfalls könnten wir das. Was mir heute so arg fehlt ist die Muße, länger über ein Thema nachzudenken, darüber zu diskutieren, auch mal in eine falsche Richtung zu denken und das auch zu dürfen, aber auch das dann zu erkennen. Ich will da gar nicht lamentieren, doch nur mal aufzeigen, dass wir allem Anschein nur noch zum Häppchendenken neigen und uns dann nach einer ‚Werbeunterbrechung’ zu sehnen scheinen. Doch letztendlich bin ich hoffnungsfroh, dass wir auch da einen Weg finden, unser Nachdenken vielleicht zu entschleunigen, gemeinsam könnten wir es schaffen; dann verpassten wir vielleicht nicht allzu viele Chancen, in unserer Gesellschaft etwas zu verändern, denn das Thema Sexismus wird uns ganz bestimmt wieder vor die Füße fallen, na, und vielleicht schaffen wir es dann darüber intensiver und unaufgeregt zu diskutieren …

Bild: Nein + Ja sagen lernen – Quelle: arbeitstipps.de

2 thoughts on “S•E•X•I•S•M•U•S ► mal ganz persönlich betrachtet

  1. Ja, Rena, da hast Du gute Gedanken formuliert und mich dazu gebracht, Deinen Text ganz in Muße bis zu Ende zu lesen. Schnelllebigkeit und Entschleunigung, diese modernen Zeitzeichen werden uns noch viel beschäftigen. Ich treffe mich seit vielen Jahren mit einem alten Freund jeden Freitagnachmittag zu einem ausgedehnten Spaziergang mit unseren Hunden. Hier ist dann der Raum für die intensiven Gespräche, die Du meinst. Ja, wir müssen uns die Räume schaffen und dann auch nutzen. Es geht und auch über Sexismus haben wir nachgedacht.
    Herzlich, Reinhard

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