NS-Zeit: Nichtstun ist und war durchaus eine Aktivität

Betrachtet man die Aktivitäten der Nationalsozialisten noch bevor ihnen die Macht übergeben wurde, so machten sie aus ihrer Bereitschaft zur Gewalt durchaus keinen Hehl. Auch die Reden Hitlers waren getragen von Ausgrenzungen Anderer Masse Menschund dem Gedanken einer homogenen Masse des ‚Herrenmenschen’, des ‚Ariers’, des ‚reinen’ Deutschen. Die Wähler, die aktiv ihr Kreuzchen bei der NSDAP machten, waren sich durchaus bewusst wen und welche Ideologie sie unterstützte. Nachdem dann die Wege zur Macht geöffnet waren und Hitler zum Reichskanzler ernannt war, konnten weder seine Wähler, noch seine Unterstützer, noch die Steigbügelhalter zur Macht, davon ausgehen, dass die vorangegangenen Reden nicht in die Tat umgesetzt werden würden. Doch zeigten die Kampftruppen der NSDAP, die SA, bereits vor 1933 ihr kampfbereites Gesicht, so konnten sie nach dem 30. Januar jegliche Form der ‚demokratischen’ Maske fallen lassen und sich zum Herren der Willkür aufspielen. Zuerst ging es gegen die Kommunisten, dann gegen die Sozialdemokraten und dann gegen die Gewerkschaftler; wilde Konzentrationslager wurden errichtet, willkürlich wurde ‚verhaftet’, obwohl die SA keine ‚staatstragende’ Institution war. Und wie verhielt sich die Zivilbevölkerung?, nun, allem Anschein nach passiv, doch das ist nur der erste, eher oberflächliche Eindruck. Denn die Massenverhaftungen blieben ja nicht unbemerkt, so sahen die Nachbarn, entweder offen oder versteckt hinter der Gardine, durchaus was geschah. Zuschauen ist durchaus ein aktiver Beitrag zu einem Geschehen und dieser Beitrag hat auch eine Wirkung auf die aktiveren Beteiligten eines solchen Vorkommnisses. So fühlen sich die Täter bestärkt, denn die Zuschauer schreiten nicht ein, also nehmen sie ihr bloßes Zuschauen als Zustimmung auf. Aber auch auf die Opfer hat das aktive Zuschauen eine Wirkung, zeigt es ihnen doch auf, dass sie an der Hoffnung auf Wendung des brutalen Ereignisses nicht verweilen dürfen, so vergrößert sich das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht. So stehen die Akteure, Opfer, Täter und Zuschauer alle in einem direkten Zusammenhang miteinander, und das äußerst aktiv. Doch warum blieben die Zuschauer ‚nur’ beim Hinsehen? War es reiner Voyeurismus? Oder waren sie wirklich mit den Taten der SA einverstanden? Zum einen ist es recht unwahrscheinlich, dass ausschließlich Sympathisanten der NSDAP zuschauten, zum anderen ist es auch wenig wahrscheinlich, dass die pure Lust am Zuschauen der Grund war. Viele Bürger stimmten zwar mit der Art und Weise der Handlungen der SA nicht überein, doch waren auch viele froh, dass die Gewalt der Straße der beginnenden 30er Jahre zwischen Rotfront (KPD), Reichsbanner (SPD) und SA (NSDAP) ein Ende hatte; die Mittel die dazu angewandt wurden, wurden gar nicht hinterfragt; auch deren Konsequenzen nicht. Auch werden viele Zuschauer davor zurückgeschreckt haben einzuschreiten, um nicht selbst in der Fokus der gewalttätigen SA zu kommen. Haben dann doch Bürger die Polizei geholt, stand diese häufig ebenfalls zuschauend daneben, ohne Einzuschreiten; was wiederum als Signal anzusehen ist, denn damit gaben sie den Übergriffen der SA einen ‚staatlichen’ Anstrich und den Misshandelten wurde klar, dass auch von dieser Seite keine Hilfe zu erwarten ist. So hatten bei solchen Vorkommnissen alle Beteiligten ihren aktiven Beitrag geleistet.

Wenn vielleicht in manchen Gegenden keinerlei unrechtmäßigen Verhaftungen vorgenommen wurden; so wurde jeder im Deutschen Reich informiert, dass Konzentrationslager für Andersdenkende errichtet wurden. Am 20. März 1933 gab Heinrich Himmler in einer Pressekonferenz die Errichtung eines Konzentrationslagers bei Dachau bekannt. Am nächsten Tag stand in allen Zeitungen: „Am Mittwoch wird in der Nähe von Dachau das erste Konzentrationslager mit einem Fassungsvermögen für 5000 Menschen errichtet werden. Hier werden die gesamten kommunistischen und soweit dies notwendig ist, Reichsbanner und sozialdemokratischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen…“ Nach dieser Veröffentlichung wäre es schwierig gewesen, zu behaupten, dass niemand etwas über Konzentrationslager wusste und doch wurde das in der Bevölkerung weitgehend ignoriert, auch diese anscheinende ‚Ignoranz’ war eine Aktivität und ganz gleich was sie hervorrief, ob Zustimmung, Ablehnung oder vielleicht Angst; diese Mitteilung machte ganz aktiv etwas mit der Bevölkerung und wenn sich der Einzelne auch in der Masse Zuschauenversteckte, oder zu den vermeintlichen ‚Siegern’ gehören wollten.
Auch die Euthanasie Kranker, beziehungsweise ‚unwerten Lebens’ war kein Vorkommnis, dass der Gesellschaft des gesamten Deutschen Reichs verborgen geblieben wäre, die Ausführungen bestimmt, doch die Tatsache als solches ganz bestimmt nicht. Denn es gab Plakate und vor allen Dingen eindringliche, ja, widerliche, Filme, die in den Kinos nach der Wochenschau und vor dem Hauptfilm gezeigt wurden; hier wurde dargestellt, was sich das  NS-Regime unter ‚unwertem’ Leben vorstellt und dass ‚unnütze’ Esser der sogenannten Volksgemeinschaft schaden. Auch die Menschen, die diese Filme nicht sahen, wurden von anderen informiert, denn der stille Zuschauer konnte auch Multiplikator sein. Zu dieser Thematik zeigten einige ihre Meinung öffentlich, es folgten Predigten von Kanzeln, Anfragen Angehöriger in Kliniken und einiges mehr. Bereits dieses leise
Holocaust I‚murmeln’ innerhalb er Gesellschaft veranlasste das Regime letztendlich die Massen-Euthanasie zu beenden; dass sie im Geheimen weitergeführt wurde, muss an dieser Stelle weniger interessieren, da hier der Fokus auf dem Verhalten der Bevölkerung liegt. Das durchaus aktive Zuschauen, das miteinander Reden, die weitergegebenen Informationen, all das waren auch Signale aus der Gesellschaft heraus, hin zu den NS-Entscheidungsträgern. Hieraus sieht man, dass auch die leisesten Interaktionen zwischen Machthabern und Bevölkerung zu anderen Ergebnissen führen konnte.

Völlig offen zeigte das NS-Regime und somit seine Akteure ihre antisemitische Haltung, die Ergebnisse erlebte die Gesellschaft hautnah, ob es Kollegen waren, die nicht mehr zur Arbeit erscheinen durften, Geschäfte jüdischer Händler geschändet wurden oder Mitschüler nicht mehr in die gleichen Klassen gingen, jeder vom Kind bis zum Greis, ob Stadt- oder Landbevölkerung, jeder wusste um die Drangsal ihrer jüdischen Mitbewohner. Es gab dahingehend große Reden seitens der Machthaber, Artikel in Zeitungen und Filme, die eindringlich den ‚staatstragenden’ Antisemitismus verbreiteten. Jeder Bürger, gleich welchen Alters und welcher sozialen Schicht entschied sich aktiv selbst zu seiner Haltung, signalisierte also den Machthabern ‚wie weit’ sie gehen dürften; doch diese Haltung war nicht nur ein Hinweis auf die NS-Elite, nein, auch den jüdischen Mitbürgern signalisierte die Haltung der Bevölkerung, wie wenig Unterstützung sie zu erwarten hatten, denn auch eine ‚stumme’ Interaktion ist eine Informationsaustausch. Wer vor all dem immer noch seine Augen verschließen wollte, dem wurde in der Reichspogromnacht im November 1938 durch die Flammen brennender Synagogen gezeigt, wohin der Weg gehen würde. Keinem Bürger des  Reiches konnte verborgen bleiben was hier geschah und ein jeder nahm aktiv an den Geschehnissen teil. Hier ist es wenig erheblich welche inneren Gründe ein jeder hatte, die Drangsal der Juden stillschweigend hinzunehmen, doch die Signale waren eindeutig. Auch als dann die jüdischen Nachbarn deportiert wurden, war das ein öffentlicher Akt, dem keinem der ‚Volksgenossen’ entgehen konnte, auch den Verantwortung IDesinteressiertesten war völlig klar was hier geschah und ihr aktives Dulden durften die Machthaber und deren Ausführungsorgane als Zustimmung betrachten. Den jüdischen Mitbürgern zeigte es  ganz deutlich: „Von uns ist keine Hilfe zu erwarten.“ Somit hat jeder mit seiner Haltung aktiv zum Holocaust beigetragen.

Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen, doch es geht darum, dass ein jeder für sich selbst aktiv Verantwortung übernahm und ob er nun zuschaute oder den Gräueltaten zuarbeitete, jeder trug mit seiner Haltung und seinem Tun dazu bei, dies war damals so und hat sich bis heute nicht verändert …  

Weiterlesen:

30. Januar 1933 • Beginn eines Terrorregimes

Die Anfänge des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau

Nationalsozialismus: 1. April 1933 Boykott jüdischer Waren

Massen-Euthanasie • Aktion T4

Reichspogromnacht 9. & 10. November 1938

Vor der Machtübergabe:

Die Köpenicker Blutwoche • SA Terror 1933

Der Altonaer Blutsonntag • Das Beil von Wandsbek

Nach Ende der NS-Herrschaft:

Das haben wir doch alles nicht gewusst …

Bild 1: Masse Mensch – Quelle: neues-schauspielhaus-leipzig.de · Bild 2: Zuschauen – Quelle: jurga.de · Bild 3: Holocaust – Quelle: Bundesarchiv.de · Bild 4: Verantwortung – Quelle: google.com

2 thoughts on “NS-Zeit: Nichtstun ist und war durchaus eine Aktivität

  1. Einfach behaupten,man hätte nichts gewußt, das gibt es nicht. Die Leute in Mauthausen und anderen

    Konzentrationslager-bzw. Städten haben doch Tag und Nacht den Rauch gesehen, die verbrannten Leichen gerochen und auch teilweise die Häftlinge in den Arbeitstrupps gesehen.

    Warum behaupten so viele Menschen, wir haben davon nichts gewußt! Es können nicht Millionen von

    Menschen ermordet werden und die Gesellschaft schweigt…können die "Wissenden" damit in Ruhe weiterleben??

    1. Ja, Waltraud; der Verdrängungsmechanismus der Menschen ist groß, doch erst wenn eine Gesellschaft alle Anteile aufgearbeitet hat ist sie auch innerlich frei und gibt sich nicht nur den Anschein dessen …

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