„Na, das hab ich doch gar nicht so gemeint …“

Reden ohne nachzudenken, also plappern, nun, das hat allem Anschein nach einen recht hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Warum ich von dieser Annahme ausgehe?, nun, es entspricht meinem täglichen Erleben, keiner empirischen Statistik. Tja, und wäre es nur eine Zeiterscheinung, dann könnte ich darüber lächelnd hinweg sehen, so wie man halt über so die eine oder andere Mode hinweggeht, doch so scheint es bei der mehr oder weniger sinnentleerten Rede nicht zu sein, denn sie greift um sich und erfasst auch durchaus Kreise, bei denen man davon ausgeht, dass sie einen zu benutzenden Kopf haben, da sie es das eine oder andere Mal bereits bewiesen haben. Doch auch diesen Leuten entschlüpfen Worte aus ihrem Mund, beiden ich mich nur wundere, ob des nicht eingeschalteten Hirns. Und der Beispiele gibt es viele, ob es nun Worthülsen von Politiker sind, Gedichte von Nobelpreisträgern oder ernst gemeinte Sachbeiträge in Diskussionen, immer wieder begegnen einem Worte, Sätze oder ganze Statements von denen nach eingehender Analyse nicht, bis wenig übrig bleibt. Ach, und wird der oder die Betroffene darauf konkret angesprochen, dann bekommt man/frau die häufig klassische Antwort: „Na, das hab ich doch gar nicht so gemeint … „ Ein so genanntes ‚Totschlagargument’, denn was kann man darauf schon erwidern? Aber vielleicht verhält es sich wirklich so, wie Kurt Tucholsky sagte: "Um populär zu werden, kann man seine eigene Meinung behalten. Um populär zu bleiben, weniger." Doch dieser Satz begegnet einem nicht nur bei den so genannten Personen des öffentlichen Lebens, nein, auch im privaten Umfeld. Mag es, selbst bei einer nichtigen Meinungsverschiedenheit, mal zu Sätzen kommen, die nicht hätten gesagt werden sollen, so bekommt man oftmals auch hier die Antwort: „Na, das hab ich doch gar nicht so gemeint …“ Doch stimmt das auch wirklich? Oder ist solch ein Satz nur vorgeschoben, um sich nicht rechtfertigen zu müssen? Wie verhält es sich eigentlich mit den vorangegangenen Sätzen, die dann gar nicht mehr so gemeint waren? Da solche Sätze einer Nachfrage bedürfen, waren entweder die Fakten falsch, oder sonst irgendetwas war nicht völlig in Ordnung für die Ohren des anderen. Nun kann man getrost davon ausgehen, dass es sich kaum um Fakten handelte, denn die Antwort, dass man es so nicht gemeint habe, zeigt ja an, dass es sich um eine Meinung handelt. Na, und Meinungen sind ja prinzipiell diskutabel, doch in diesem Fall anscheinend nicht. Denn meistens handelt es sich um ‚Angriffe’ auf das Gegenüber und zwar um persönliche Angriffe, die nach dem sie ausgesprochen wurden, schwer wieder zurück genommen werden können. So ist es doch viel besser, zu behaupten, dass man es gar nicht so gemeint hätte, also der angegriffene alles auch noch falsch verstanden hat. Rumms. Das hat dann mal so richtig gesessen. Denn wenn man hinter solch Aussagen schaut, die da aus dem Mund des anderen ‚herausgerutscht’ sind, dann kann man, gerade weil sie im Eifer des Gefechts gefallen sind, also völlig spontan, nun, dann kann man davon ausgehen, dass das wahrlich so gemeint war, nur vielleicht nicht so ausgedrückt werden sollte. Doch was wäre schlimm daran, wenn man sagen würde: „Du, Entschuldigung, so wollte ich das nicht rüberbringen …“ Könnte man so nicht die Spitze einer leidigen Unterhaltung nehmen, und sich ganz ruhig auseinandersetzen, ohne emotionale Tiefschläge? Wäre es da nicht viel besser ganz bei sich selbst zu bleiben, von sich zu reden um so mit dem anderen ins wahrhaftige Gespräch zu kommen? Warum fällt es uns nur so schwer unsere eigenen Belange in Worte zu fassen? Könnte es daran liegen, dass wir das nie gelernt haben, von unseren Gedanken, Phantasien, Gefühlen oder Wünschen zu reden? Wurden vielleicht solche Versuche, bereits im Kindesalter unterbunden, damit wir nicht als egoistisch erscheinen? Ich denke aber, dass hier grundsächlich etwas falsch verstanden wurde, denn wenn ich von meinen Belangen spreche, davon, was mich bewegt, mich also öffne, dann bin ich gar nicht egoistisch, ich könnte eher befürchten verletzlicher zu werden. Das bin ich dann auch, aber was ist denn wirklich schlimm daran, denn verletzt werden können wir auch dann, wenn wir uns verschließen, nur spüren wir es dann nicht so schnell und stark. Doch wissen wir ganz genau, solche angeblich kaum gespürten Verletzungen tragen wir lange, manchmal sehr lange mit uns herum. Um es dazu nicht kommen zu lassen, sollten wir uns öffnen. Immer ein Stückchen und wir werden erkennen, dass uns dann weitaus weniger verletzen als wir dachten.

Laßt uns miteinander reden, einander erkennen und so annehmen wie wir halt so sind, dann fällt es uns weitaus leichter, auch andere so anzunehmen, wie sie sind. Na, und eine etwas wahrhaftigere Gesprächskultur könnte uns so ganz allgemein auch nichts schaden, ja, und das meine ich auch wirklich so …

Bild 1: Die Rede – Quelle: vorstandsreden.de · Bild 2: Konversation – Quelle: wegezurselbstfindung.de · Bild 3: Goethe+Schiller im Gespräch – Quelle: meiij.ac.jp

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.