„Ist ja komisch …“ • Keiner lacht, warum nur?

Sprachliche Widersprüchlichkeiten bieten meistens einen größeren Spielraum der Interpretation, was zum einen ein Training für Sprache sein kann, die grauen Zellen anregt, aber auch zur allgemeinen Heiterkeit beitragen kann. Ich persönlich mag es mit Worten zu jonglieren, ihnen auf den Grund zugehen oder sie auch einmal aus-einander-zu- reißen. Es ist mir ein Selbstvergnügen, doch nicht immer ein Vergnügen für andere, die das manchmal als etwas übergenau empfinden. Andere aber habe ich auch damit angesteckt, die genauso wie ich, erkannt haben, welch Quell der Belustigung darin stecken kann. So erinnere ich mich an eine lange zurückliegende Begebenheit, noch im Referendariatsjahr, übernahm ich einen ersten Schwung von Schülern, ich hätte auch Klasse sagen können, doch ob die immer klasse waren, nun auch das wäre diskutabel gewesen, doch zurück zu meiner selbst erlebten Anekdote: Ich verteilte Arbeitsbögen in der Klasse, damals noch mit einem leichtem Geruch behaftet, denn diese wurden per Matrize für die Schüler mühevoll abgezogen, und ein etwas sinnentleerter Blick eines Schülers streift die Weiten des Klassenraums, er traf auf meinen fragenden Blick und sagte: „Ist ja komisch.“ Diese Aussage irritierte nun mich selbst, da ich keinerlei Belustigung den Schülern darreichte, also fragte ich: „Was bitte, belustigt dich so?“ Dies war noch eine Zeit, in der Schüler diese Frage auch noch inhaltlich verstanden, denn er schaute nun mich seinerseits verunsichert an und meinte kurz: „Nichts.“ Doch damit wollte ich es nicht belassen, sondern fragte nun meinerseits: „Was war denn so komisch?“ worauf der Schüler nun mit völlig entgleistem Gesicht und offenen Mund nur ‚grunzte’: „Hää.“ Nun, das wiederum fand ich komisch. Obwohl ich nun der Äußerung meines Schülers nie völlig auf den Grund gehen konnte und somit nicht wirklich weiß, ob ihn eventuell doch etwas belustigte, so muss davon ausgegangen werden, dass Menschen das Wort ‚komisch’ seltenst im Sinne der Heiterkeit oder Belustigung benutzen, sondern eher um etwas für sie merkwürdiges, seltsames oder fragwürdiges zu benennen. Gut, es kann ja durchaus sein, dass sich Worte in verschiedenen Zeiten, aufgrund von umgangssprachlichen Moden verändern, doch auch in den modernsten Nachschlagewerken kann ich dahingehend nichts entdecken, was ja dann auch wieder komisch ist, denn einmal abgesehen von dem obigen Beispiel, verwenden viele Menschen das Wort mit völlig anderer Bedeutung. Tja, und das find ich nicht unbedingt spaßig, wenn doch ganz einfache Worte in unserer Sprache zur Verfügung stehen um seiner Verwunderung Ausdruck zu geben. Aber in unserem allgemeinen Sprachgebrauch finden sich noch mehr solcher Begriffe, die des Aufhorchens wert sind. Besonders beliebt bei vielen ist das Wort ‚eigentlich’, dass ich persönlich für ein wahrliches Unwort halte, denn wenn mir eine Mutter erklärte, und das ist wirklich passiert, dass sie ihr Kind ‚eigentlich’ liebt, erschrecke ich, denn durch diese Relativierung vermittelt sie ja auch, dass sie ihr Kind ‚eigentlich’ nicht liebt. Wenn man dahingehend genau hinhört, bemerkt man, dass Menschen, die das Wort ‚eigentlich’ häufig im Munde führen, sich nicht wirklich festlegen wollen, weder sprachlich noch inhaltlich. Somit entziehen sie sich selbst, durch diese sprachliche Einschränkung, jeder Verantwortung. Will man solche Menschen auf eine ihrer Ansichten ‚festnageln’, so bekommt man häufig den Satz: „Na, so hab ich das ja gar nicht gemeint.“, zurück, was einen dann doch nur etwas ratlos stehen lässt. Ich kann ja verstehen, dass nicht jeder die Freude an der Vielfalt der Sprache hat, so wie ich selbst. Das ist durchaus ok, doch gehe ich auch nur im simpelsten Fall davon aus, das Sprache eine Form der Kommunikation ist, wobei es dabei völlig egal ist, um welche Sprache es sich dabei handelt, so sollte sie doch in soweit beherrscht werden, dass man einander versteht und zwar im Sinne von Sender und Empfänger. Um es kürzer zu sagen, ich gehe davon aus, dass mein formulierter Satz den Empfänger nicht nur akustisch erreicht, sondern, er ihn auch inhaltlich erfassen kann. Doch so einfach scheint das nicht immer zu sein, leider. Martin Heidegger sagte einmal: "Die Sprache ist das Haus des Seins.", nun, nehme ich ihn da mal inhaltlich beim Worte, so muss ich konsternieren, dass äußerst viele Existenzen auf recht windschiefen Füssen steht. Doch nicht nur im allgemeinen umgangssprachlichen Raum geht es mehr als nachlässig zu, auch die Worthülsen so mancher Politiker hinterlassen mehr Fragezeichen in einem, als das sie einen wirklichen Informationswert haben. Staatsmännische, wohl gefeilte Reden, meistens von gut bezahlten Redeschreibern verfasst, schweben häufig über den Köpfen der Bürger, denn ihre Wortwahl ist soweit entfernt, dass sie die Köpfe der Bürger nicht oder selten erreicht. Auch hier scheint es mit der Nummer von Sender und Empfänger nicht zu klappen, wieder einmal, ‚leider’. Doch ist es gar nicht so schwer, in kurzen, verständlichen Sätzen sich auszudrücken, was einen so bewegt, beziehungsweise grad so durch den Kopf geistert. Denn wenn ich selbst den Anspruch erhebe, mich von anderen verstanden zu fühlen, dann doch nur wenn ich mich möglichst verständlich ausdrücke. Wie schon gesagt, das eine bedingt das andere. Natürlich ist es nicht immer einfach, sich einigermaßen ‚stolperfrei’ auszudrücken, das ist aber auch nicht immer unbedingt zwingend in einer Unterhaltung, einem Gespräch; denn das Gegenüber kann ja bei Irritationen nachfragen, was durchaus ok ist, ja, oftmals macht das ja erst eine Unterhaltung lebendig. Doch sich zu bemühen, sich verständlich und möglichst klar auszudrücken, ist durchaus der Mühe wert, oder ist solch ein Anliegen dann wieder ‚komisch’? Vielleicht sollten wir es mit Christian Morgenstern halten, der sagte: "Wie ist jede, aber auch jede, Sprache schön, wenn in ihr nicht nur geschwätzt, sondern gesagt wird!"

Bild 1: HÄ als Frage – Quelle: spead.net · Bild 2: Kommunikation -Quelle: kidstalk.ch · Bild 3: Sender Empfänger – Quelle: rhetorik.ch

3 thoughts on “„Ist ja komisch …“ • Keiner lacht, warum nur?

  1. Vielleicht kann ich den Satz: "Ist ja komisch" so erklären, daß ich in mich selbst zurückschaue. Als junger Schüler hatte ich in deutsch eine 4. Aufsätze waren nicht wirklich meine Spezialität. Aus einem Sozi-Haushalt, also der Arbeiterschicht kommend, hatte ich nur geringen Kontakt zu Menschen mit hoher Bildung. Ich lernte eine Sprache, die aus Worthülsen bestand.
    Dann stellte mir jemand eine gute Frage, die ich nicht beantworten konnte und nahm die Hölse: "A, des is etzt a dumme Froch" und erschrak gleichzeitig, denn ich war Handwerker-Lehrling, der Frager ein Bauleiter.
    Verschämt ging ich in mich und versprach mir selbst, derartige Worthülsen nicht mehr zu verwenden.
    Andererseits gibt es ein ganzes Regiment (kommt das von Regime?) an Menschen, die nichts anderes Verwenden als Worthülsen und Schachtelsätzen. So einer will ich aber nicht werden.
    arne karl fellner
    http://www.dirtycop.de
     
     

  2. Ein schöner Text!
    Kommunikation funktioniert nicht ohne Interaktion. Man kann sich noch so bemühen, sich verständlich auszudrücken. Wenn man wirklich sicherstellen möchte, muss man sich ständig um Rückkopplung bemühen. Dabei muss man auch noch berücksichtigen, dass jeder in einer solchen Situation unterschiedliche Interessen verfolgt – z.B. sich nicht festlegen wollen, wie Du es ja beschrieben hast. Auch projektive Mechanismen spielen eine wichtige Rolle – dass man bewusst oder unbewusst dem Kommunikationspartner bestimmte Absichten unterstellt. 
    Kommunikation ist nicht einfach. Das Kommunizieren ist doch… eigentlich… eine Wissenschaft, die man erst einmal studieren müsste, um es relativ sicher ausführen zu können… 🙂
     
    Liebe Grüße
    Falk

    1. Da hast du völlig recht, Falk. Doch all die Mechanismen von funktionierenden Kommunikationsformen hätte solch einen Artikel gestrengt 😉 … doch über seine eigene Art und Weise des sich Hinwendens zum Gesprächspartner (auch im plural), ist m. E. durchaus des Nachdenkens wert … 😉

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