Erinnerung • s • Kultur

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Wir alle haben unsere Erinnerungen, ganz gleich wie alt wir sind, entscheidend ist auch nicht wie gut oder schlecht diese sind. Ein Nachsinnen beruht auf selbst Erlebtem, das sich oft freundlicher darstellt als es nach der damaligen Faktenlage war. Wir kennen das alle, die schöne Schulzeit an die wir uns erinnern war manchmal gar nicht so wunderschön, wir klammern das pauken für Arbeiten, oder schlechtere Noten einfach aus. Nur die Sorglosigkeit von Kindheit und Jugend bleibt uns stärker im Bewusstsein. Um so zu verklären, muss man nicht alt und grau werden, bereits junge Leute in Ausbildung oder Studium ‚trauern’ ihrer Schulzeit hinterher. Ähnlich geht es uns mit dem Begriff von ‚früher’, als alles besser, leichter und angenehmer war. Natürlich war es nicht so schön, wie uns unsere Erinnerung vorgaukelt, aber unsere Gefühle entwickeln in der Erinnerung eine andere Dynamik, als es die Realitäten uns beweisen würden.
 
"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können." Jean Paul
 
Erinnerungen verbinden sich häufig mit Klängen, Farben und Gerüchen. Wir kennen das alle, ein Musikstück, das uns an die erste Liebe erinnert, oder ein Geruch, der uns an Omas Küche erinnert. Doch wir haben nicht nur die ‚rosa Bändchen’ auf unserer Seele des Nachhintenschauens, ähnlich geht es uns auch mit weniger guten Erinnerungen. Doch bündeln wir beides und lassen die manchmal lästigen Fakten nicht gänzlich außen vor, dann können wir von Erfahrungen sprechen und diese sind für jeden von uns von großer Bedeutung, ja, ein wahrer innerer Schatz.
 
Wir erinnern uns an geliebte Verstorbene, an Idole der Jugend oder Kindheit, an lieb gewordene Bücher, beeindruckende Filme oder gesellschaftliche Ereignisse. Wir bewundern große Maler und alte Architektur, ebenso wie die ‚alten’ Dichter und Denker. Doch warum tun wir das, mehr oder weniger intensiv? Sind wir eine rückwärts gewandte Spezies? Oder hat eine rückwärtige Betrachtung einen essentiellen Sinn?
 
"Die Gegenwart ist die zukünftige Erinnerung, entsprechend sollte man sie gestalten."Gerhard Uhlenbruck
 
 
Um die Gegenwart zu bestehen, sollten wir die Vergangenheit erarbeitet und wenn möglich auch daraus gelernt haben, denn dann kann von einer Erinnerungskultur geredet werden. Machen wir unsere gesellschaftlichen Erinnerungen zu wirklichen Erfahrungen, ähnlich wie wir uns selbst damit anreichern, so bereichern wir uns und die Gesellschaft. Lernen wir aus Finanzdebakeln der Geschichte, dem Rechtspopulismus aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts oder aus so vielen Widrigkeiten der Vergangenheit. Schauen wir uns die Erfahrungen der Menschen in der Vergangenheit an und lernen wir daraus, für das Heute und Jetzt. Reichern wir unsere Erkenntnisse mit den Fakten der Gegenwart an, so entwickeln wir eine Vision für die Zukunft.
Lasst uns nicht in Erinnerungen schwelgen oder sie verteufeln, je nach Standpunkt. Schauen wir heute nicht auf die anderen, was die tun, oder auch nicht. Ängstigen wir uns nicht vor einer ungewissen Zukunft und bleiben dabei sprach- und reglos.
Gestalten wir unsere Gegenwart mit den Lehren der Vergangenheit, so können wir Neues kreieren, das sich aber auf Grund von Erfahrungen verankern kann. Innerhalb einer solchen Gestaltung ist es mehr als wichtig die verschiedensten Sichtweisen zu bündeln und so zusammen dem Hier und Jetzt ein Gesicht zu verleihen. Nicht das gegeneinander Arbeiten von ‚gegnerischen’ Meinungen ist kreativ, sondern das Hinhören, das Aufeinanderhören macht uns ‚reicher’. Denn beharren wir auf unserem heutigen Standpunkt, als den einzig richtigen, so wirken wir eher rechthaberisch, als wirklich an einer Sache interessiert. Natürlich müssen Positionen ausdiskutiert werden, doch wenn wir uns dem gemeinsamen Ziel verschreiben eine Gegenwart der Toleranz, der Achtung und dem Respekt vor dem Einzelnen und somit auch vor uns Allen zu gestalten, dann kann daraus auch eine Vision der Zukunft entstehen. 
 
Nun könnten wir uns zurücklehnen und sagen, ja so könnte es gehen und abwarten was die anderen so machen. Doch so einfach ist das nicht, denn erst wenn jeder bei sich selbst anfängt, für sich selbst und für die Gesellschaft Verantwortung übernimmt, können wir ein echtes Wir-Gefühl entwickeln aus dem ein lebbares Heute, sowie ein erlebbares Morgen entsteht. Hier ist jeder für sich selbst in der Pflicht, seine Erinnerungskultur zu pflegen, sie mit der Erfahrung zu verknüpfen um daraus ein Licht am Ende des Tunnels zu formen. Stünden dort viele Lichter, wäre der Weg in die Zukunft weitaus heller, aber auch erhellender. 
 
"Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit."Richard von Weizsäcker, Rede zum Befreiungstag am 8. Mai 1985
 
Ich versuche in kleinen Schritten diesen Weg zu gehen und ich hoffe, den einen oder anderen an einer Weggabelung zu treffen.
 
Foto: Karussell Quelle: t0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcSABmjS3dg_bsVC_m0jvE_th4e8M0yrarh8jiRCZ7iO-pMJgMjBaABEczc 
Foto: Monument der Sklaverei  Quelle:www.geo-reisecommunity.de
Bild: Weggabelung Adalbert Nagele

2 thoughts on “Erinnerung • s • Kultur

  1. Ein sehr überzeugender Beitrag. Leider gehört aber zur Vergangenheit auch, dass Menschen häufig nicht aus der Vergangenheit lernten. Und gerade zurzeit wenden, wie mir scheint, eine Mehrheit sich eher der Zukunft zu. Ich würde gern wissen, wie (abgesehen vom eigenen Erinnern) der Erinnerungskultur insgesamt mehr Bedeutung zukommen könnte.

    1. Das ist ingesamt gesehen mein Bestreben, eine Erinnerungskultur gesellschaftlich zu installieren.

      Zu eine geht das natürlich über die Literatur, sich alte Texte vorzunehmen und sie so aufzubereiten, dass sie uns heute noch etwas zu sagen haben. Jeder Student der Theologie lernt an Texte exegetisch heranzugehen, warum nicht auch in der Literatur. Gemacht wird dies ferner im Theater bzw. der Oper, jeder Regisseur versucht z. B. die 'Räuber' oder den 'Faust' so sprechen zu lassen, dass das Publikum auch heute für sich etwas mitnimmt.

      In den Schulen wird das (leider) so nicht unterrichtet, denn Geschichtsunterricht ist separiert von anderen Fächern, so erkennt der Schüler weniger, was ihm das Erlernte heute noch sagen soll. Hier fehlt m.E. ein pädagogischer Ansatz.

      Doch auch in der kleinsten 'Zelle' des Staates, der Familie, wird der Erinnerung der Groß- bzw. Urgroßeltern wenig Raum gegeben. Hier könnte die Grundlage bereits gelegt werden, aus Fehlern oder nie umgesetzten Ideen Älterer zu lernen. Ähnliches gilt m.E. auch für die Arbeitwelt, eine gute Mischung zwischen Alt und Jung kann konstruktiv sein, wenn jeder lernt auf den anderen zu hören; so ließe sich Zukunft, aus den Erkenntnissen der Vergangenheit mit den Fähigkeiten und Fertigkeiten der Gegenwart, gestalten.

      Was immer wir auch tun, wir müssen selbst anfangen, vielleicht bewegen wir etwas, wenn wir mehr werden… LG Rena Jacob

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