Eine Prise Toleranz

In Gesprächen mit anderen kommen wir häufig auf den Begriff der Toleranz und je nach Tiefe oder Relevanz der Unterhaltung, fällt einem oft auf, dass wir nicht immer die gleiche Definition von Toleranz haben. Manchmal finden wir einen gemeinsamen Konsens, doch häufig bleibt eine gemeinsame Klärung der Wortbedeutung aus. So bleibt mancher oftmals mit einem wenig guten Gefühl zurück. Deshalb sollten wir uns erst einmal aufmachen, dem Wortsinn nachzuspüren um eine gemeinsame Sprache, ein ähnliches Bild vor und in uns zu haben. Was ist also Toleranz? Aus dem lateinischen Verb ‚tolerare’ gleich ‚erdulden’ bildete sich das Adjektiv ‚tolerieren’, was so viel heißt wie: duldsam, nachsichtig, großzügig, weitherzig. Substantivieren wir also dies, so entstehen folgende Deutungen für Toleranz: Duldsamkeit, Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Heute gehen wir von einer Erklärung wie Gleichberechtigung und, oder Gleichwertigkeit aus.Toleranz besteht nicht darin, dass man die Ansicht eines anderen teilt, sondern nur darin, dass man dem anderen das Recht einräumt, überhaupt anderer Ansicht zu sein. Viktor Frankl
 
Im Zeitalter der Aufklärung wurde die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen, der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird auch über das religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder. Viele haben sich mit dem Toleranzgedanken auseinander gesetzt, doch hier will ich auf die bekannteste eingehen, die Ringparabel. Lessing veröffentlichte 1779 das Drama ‚Nathan der Weise’, die Ringparabel als eine zeitgenössische Formulierung des Toleranzgedankens, bezogen auf die drei großen monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam. In diesem Klassiker, mit dem sich fast jeder Schüler auseinandersetzt, wird an Hand von drei nachgemachten Ringen dargestellt, dass alle drei Religionen gleich sind und jeder in seinem Glauben an Gott gleich angenommen wird. In diesem Bild der Parabel finden sich alle wieder und erhalten die gleiche Akzeptanz und Wertschätzung. Dieser humanistische Gedanke hätte sich tief in die Menschen versenken können, wenn auch die äußeren Lebensumstände innerhalb der damaligen Staatengebilde, für die Bürger erkennbar gewesen wären. Dies war leider nicht so, und so blieb Lessings Werk leider oft nur ein Gedankenkonstrukt das nicht oder wenig mit Leben gefüllt wurde. Obwohl die Thematik heute kaum aktueller sein könnte und man sich wünschte, dass die Ringparabel sozusagen zur Pflichtlektüre erhoben werden müsste. Denn schaut man um sich herum, so müssen wir bedauerlicherweise uns eingestehen, dass wir in den letzten 200 Jahren recht wenig dazugelernt haben. Was aber nicht heißen soll, sich der Apathie hinzugeben und das Nichterreichen gleichgültig abzutun.
 
Toleranz, die von der Freiheit stammt, ist ein Himmelskind und der schönsten eines, aber die Toleranz, die nichts ist als Umschreibung des Satzes "alles ist schließlich ganz egal", die mag der Teufel holen. Theodor Fontane  Unserer heutige Gesellschaft, die im Alltag recht ‚entreligionisiert’ ist, benötigt auch einen breiter aufgestellten Begriff der Toleranz. Denn in einer individualisierten Gesellschaft, benötigen wir nicht nur Toleranz von Gruppen, sondern auch für den Einzelnen. Dies ist auf der einen Seite eine wunderbare Aufgabe für jeden von uns, doch sie ist auch sehr schwer zu bewältigen. Denn der menschliche Aspekt, eigene Unzulänglichkeiten auf andere zu schieben ist natürlich weit aus leichter, als sich mit sich selbst zu befassen. Doch erst durch ein eigenes klar definiertes Wertesystem sind wir in der Lage, das Gegenüber in seinem Sein zu tolerieren. Eine liebende Grundeinstellung zu sich selbst und eine Zugewandtheit Menschen gegenüber erleichtert den eigenen Toleranzgedanken, wobei dieser nicht durch totale Akzeptanz von allem und jedem aufgeweicht werden darf. Denn eine solche Verwässerung führt über die Ignoranz zur Intoleranz. Nicht das Gegenüber fordert meine Toleranz, der mit mir auf einer ähnlichen Welle schwimmt, nein, der, der anders ist und einen völlig anderen Gedankenansatz hat, dieser kann und sollte mit meiner Toleranz rechnen können, außer er stellt sich völlig außerhalb meines Wertekanons, dann trete ich ihm entschieden entgegen. Toleranz ist die Nächstenliebe der Intelligenz. Jules Lemaître Sich in Duldsamkeit zu üben, ohne Mühsal zu erdulden ist eine Lebensaufgabe. Nicht immer klappt das, denn der Alltag und auch die eigene Unduldsamkeit stehen einem oft im Wege. Doch sich immer wieder neu zu besinnen, seine Einstellungen zu überprüfen und auch sich wieder zurück zunehmen ohne sich dabei klein zumachen, ist ein Weg für sich selbst und für die eigene Umgebung. So könnte es uns gelingen in einer toleranten Umgebung zu leben. Kein leichtes Unterfangen, aber lohnenswert.
 
Toleranz ist immer und überall eine Frage der inneren Selbstbefreiung. Johann Gottfried von Herder
 
Bis zum Internationalen Tag der Toleranz haben wir noch etwas Zeit zum Üben, der ist am 16. November.
 
Bild: Nächstenliebe & Toleranz Rena Jacob ·Foto: Nathan der Weise von Lessing 1779 Quelle: Wikipedia ·Foto: Toleranz der Welt Quelle: www.concentus-alius.de 

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