Der Wirklichkeit des eigenen ICHs auf die Spur zu kommen

Für viele Menschen bedeutet Selbst-Verwirklichung ein ganz eigener, von der Gesellschaft losgelöster Prozess, der sich einzig und allein um das eigene ICH dreht. Doch ist es das was dieser Begriff der Selbstverwirklichung aussagt? Zuerst einmal schauen wir auf die zusammengesetzte Begrifflichkeit des Themas. In dem Wortteil ‚wirklich’ steckt das Wort Wirklichkeit, Wahrheit vielleicht auch Realität. Nun weiß jeder, dass Wahrheit und die eigene Wahrnehmung der selben, so eine Sache ist, denn was ist schon die Wahrheit, sie ist meistens subjektiv, denn wir Menschen sind nun mal keine Roboter, die einzig und allein aus den Fakten logische Schlüsse ziehen, nein, wir Menschen vermischen mit den uns bekannten Fakten auch unsere Emotionen, da können wir noch so rational an die Sache herangehen, völlige Objektivität ist uns nun einmal nicht gegeben. Das macht auch das Miteinander so bunt im Austausch mit anderen, wenn wir uns auf die Bilder anderer einlassen. Weniger gut ist es für uns, wenn wir uns unserer Subjektivität nicht bewusst werden und sind, und unsere ‚Wahrheit’ anderen überstülpen wollen, denn solch Verhalten kann bis zur Indoktrination, ja, zur Demagogie führen, so eine Art ‚Alleinvertretungsanspruch’. „Keiner hat die Wahrheit gepachtet…“ ist ein Sprichwort unserer Ur-Ur-Großeltern, nun und in dem steckt ganz viel Realitätssinn, denke ich. Im Bewusstsein also einer äußersten Ambivalenz der Wahrheit, der uns umgebenden Realität, ist das Erkennen der Bedürfnisse des eigenen ICHs ein eher mühevoller Prozess, denn ein kurzer ‚Check up’. Zwar gibt es natürlich Dinge, die Mann beziehungsweise Frau, ganz für sich selbst zum Leben benötigt, die sind auch meistens, entsprechend einer Einkaufsliste, kurz zu definieren, doch von diesem Bedarf als solches soll hier gar nicht die Rede sein, denn unser ICH ist weitaus komplexer als so eine kurze ‚Bedarfsliste’ es darstellen könnte. Oberflächlich betrachtet besteht unser ICH aus Fähigkeiten, Fertigkeiten und Talenten, ob wir uns denen auch immer bewusst sind, nun das obliegt jedem selbst, doch darüber hinaus, sind wir eine Summe aus Träumen, emotionalen Bedürfnissen, Triebhaftigkeiten, Stärken und Schwächen, na, und vielen, vielen weiteren Facetten. Doch welche davon wollen wir der Wirklichkeit präsentieren, welche davon wollen wir stärker ausleben und somit verwirklichen? Denn wenn wir uns auf einen Anteil in uns stürzen um diesem mehr Raum in unserem Leben zu geben, so sollte uns bewusst sein, dass wir andere Facetten in uns selbst eher vernachlässigen könnten. Wobei der bessere Weg wohl wäre, wenn wir immer ergänzend an uns arbeiten, so könnten wir Teilchen für Teilchen uns selbst hinzufügen um so unsere Persönlichkeit zu erweitern. Doch vielen geht es gar nicht um die Erweiterung des inneren Selbst im Zuge der Selbstverwirklichung, vielen geht es darum Träume zum Leben zu erwecken. Da fällt mir ein älterer Herr ein, den ich vor Jahren einmal im Krankenhaus kennen lernte, er war bereits respektable 91 Jahre alt und erzählte mir, dass er zurzeit Hebräisch studiert. Auf meine Frage, wie er denn auf die Idee kam, sagte er mir, dass das schon immer sein Traum war, doch sein Leben verlief ganz anders, er hatte Jura studiert, wurde Richter an einem Landgericht, und nach seiner Pensionierung ging er mit seiner Frau auf Reisen. Nun verstarb seine Frau vor knapp drei Jahren und um sich zu beschäftigen und noch einen Jugendtraum zu verwirklichen, studiert er nun Hebräisch. Dies zwar ohne Anspruch der Vollständigkeit, auch ohne Ziel eines Abschlusses, einfach so im Zuge seiner persönlichen Selbstverwirklichung. Ein Beispiel, das mich selbst tief beeindruckte, denn es zeigt, dass es egal ist, in welcher Lebensphase man sich selbst befindet, man immer einen Raum findet um seine Träume, wenn auch nur im Ansatz, zu leben beziehungsweise zu verwirklichen. Auch dann, wenn die momentane Situation es einem gerade mal nicht erlaubt, seinen eigenen Visionen eine entsprechende Form zu geben. Denn über eins müssen wir uns auch selbst im klaren sein, manch erträumte Situation entspricht eher den Lebensphasen, in denen wir gerade stecken, ob sie wirklich real von uns gelebt werden wollen, mit all ihren Vor- und Nachteilen, nun das wäre dann die zweite Frage. Uns selbst aber auf die Spur zu kommen, was von all den Träumen in uns, in den Bereich der Illusion und was davon Wirklichkeit werden kann, nun das ist doch wirklich ein erstrebenswertes Ziel um unsere ureigensten ICH zu erkunden . So ist der Weg der Selbst-Verwirklichung ein permanent spannender. Doch fällt häufig auf, dass Menschen, die sich auf diesen Weg der Verwirklichung machen, dies mit Scheuklappen tun, denn sie übersehen, dabei häufig, dass sie Teil einer Gruppe sind, ob es nun Familie, Kollegen, Freunde, Bekannte, Umgebung oder die Gesellschaft als solches ist, jeder ist irgendwo eingebunden, mal stärker mal weniger stark, und kann so sein Umfeld nicht völlig ausblenden, nur weil man gerade sich selbstverwirklichen will. Doch wenn man das eigene ICH so in den Vordergrund schiebt, dass all die Belange des engeren Umfelds weniger Bedeutung erlangen, so fehlt einem selbst das Regulativ der Umgebung. Denn nur wenn wir uns innerhalb unseres Prozesses der Selbstverwirklichung in anderen spiegeln können, können wir unseren Weg immer wieder neu justieren und laufen womöglich nicht auf Pfaden, die sich als Sackgassen erweisen. Wir brauchen zur Erweiterung des ICHs also nicht nur unsere eigenen Kräfte, und die in reichlichem Maße, nein, wir benötigen auch die der anderen. Ein weiterer Aspekt sollte auch nicht außer Acht gelassen werden, unserer eigener Anteil am Leben in der Gesellschaft und die damit verbundene Verantwortung, denn bei aller positiver Bestrebung sich selbst auf die Spur zukommen, und am ICH zu arbeiten, darf das WIR im gesellschaftlichen Zusammenhang nicht zu kurz kommen. Dies soll nicht heißen, dass wir uns zu viel aufbürden müssen, uns gar verzetteln könnten, nein, einzig und allein sich der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu sein reicht in manchen Momenten völlig aus, auch wenn es mal eine Zeit gibt, aus der wir uns, wegen eigener Belange, etwas aus dem gesellschaftlichen Umfeld zurückziehen. Doch wie auch immer wir unseren Weg wählen, vielleicht erkunden wir erst einmal auf dem Weg einer eventuellen Selbstverwirklichung unser eigenes, so lebendiges Kaleidoskop; oder wie es Hermann Hesse so treffend sagt: "In Wirklichkeit aber ist kein ICH, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten." Nun, dies zu ergründen um sich so selbst besser kennen zu lernen, auch das wäre eine Gasse, die zu erkunden es wert wäre. Sein sie neugierig auf sich selbst.

Bild 1: Selbstverwirklichung – Quelle: mymonk.de · Bild 2: Traum Träume – Quelle: esotherik-mystik.de · Bild 3: Seifenblasen – Quelle: maria-t-hermann.de · Bild 4: Provence – Quelle: pinard-de-picard.de

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