Christopher Street Day • Parade oder Demonstration ?

Die Geschichte der Homosexualität ist so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst. Sie ist meistens durch Ausgrenzung einer Mehrheitsgesellschaft gegen eine Minderheit geprägt. Hierbei ist es wenig entscheidend, ob diese Ausgrenzung religiöser oder politischer Natur waren und sind, denn bis heute, nach auch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und einer geistig-moralischen Aufklärung gibt es diese Ausgrenzungen, weltweit. In unserer Gesellschaft geht diese weitaus subtiler zu, doch ist sie immer noch vorhanden. Allein schon, dass ein Mensch sich zu seiner Homosexualität ‚bekennen’ muss, zeigt auf, wie weit wir, gesellschaftlich betrachtet, von einer ‚Normalität’ im Umgang mit Homosexualität sind. Denn kaum jemand wäre geneigt sich nach einem kurzen Kennenlernen als heterosexuell, nachtblind oder inkontinent zu ‚outen’; denn das würde jedes Gegenüber irritiert aufnehmen, zu recht. So sind wir also noch recht weit entfernt Menschen mit welcher sexuellen Präferenz auch immer, mit Gelassenheit zu betrachten. Dass der Umgang mit Homosexualität in anderen Länder dieser Welt weitaus restriktiver gesehen wird und es auch zu Verfolgungen kommt, kann und darf uns nicht die Augen verschließen, dass auch in unserem Land noch keine gänzliche Toleranz besteht, denn bestünde diese, wäre dieser Artikel völlig überflüssig. Wie bereits seit einigen Jahren gibt es auch in diesem Sommer in vielen großen Städten unseres Landes ‚Christopher Street Day Paraden’, bunte Aufzüge, die Lebensfreude und Vielfalt aufzeigen, doch sie kommen oft eher einem ‚Event’ gleich, denn einer Demonstration für Toleranz und der Erinnerung an den ‚Stonewall-Aufstand’. Das halte ich persönlich für bedauerlich, denn diese Paraden werden häufig von der Mehrheitsgesellschaft nicht mehr als Emanzipationsbewegung betrachtet, sondern als fröhliches Ereignis ohne speziellen Hintergrund.

Die Christopher Street ist eine Straße im New Yorker Lesben- und Schwulen-Stadtviertel Greenwich Village. In den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam es in New York und anderen Städten immer wieder zu gewalttätigen Razzien in Schwulenlokalen. Dabei wurde die Identität der Besucher des Lokals festgestellt und bisweilen medial öffentlich gemacht, es kam zu Verhaftungen und Anklagen wegen ‚anstößigen Verhaltens’. In den 1970er Jahren war sie das Zentrum der Schwulenbewegung. 1969 waren ‚Schwulenbars’ in den USA legal, trotzdem wurde im Stonewall Inn in dieser Nacht eine Razzia durchgeführt. Nach dem bekannten Historiker John D’Emilio steckte New York mitten in einem Wahlkampf um das Amt des Bürgermeisters und John Lindsay, der gerade die Vorwahlen seiner Partei verloren hatte, glaubte, es sei notwendig, in den Kneipen seiner Stadt ‚aufzuräumen’. Beim Lokal Stonewall Inn gab es gleich eine ganze Reihe von Gründen, warum diese im Visier der Polizei war: Die Betreiber hatten keine Schankerlaubnis, es gab angebliche Verbindungen zum Organisierten Verbrechen und man ließ zur Unterhaltung der Gäste spärlich bekleidete Go-Go-Boys auftreten. Damit bot das Lokal Anlass für die Einschätzung, es brächte ein ‚unordentliches Element’ in die Gegend. Angeblich spielte auch Rassismus eine Rolle, denn im Stonewall Inn verkehrten viele Schwarze und Latinos. Möglicherweise war die Entscheidung der Polizei, die Razzia auf diese Weise durchzuführen, wie sie letztlich durchgeführt wurde, von der Tatsache beeinflusst, dass die Kundschaft des Stonewall Inn nicht nur homosexuell, sondern dazu noch farbig und daher besonders ‚verachtenswert’ erschien. Ein großer Teil der Personen, die Widerstand leisteten, waren Afroamerikaner und Latinos. In der Christopher Street fand so am 28. Juni 1969 in der Bar Stonewall Inn der so genannte Stonewall-Aufstand statt, ein wichtiges Ereignis für die Schwulenbewegung. Um dem ersten Jahrestag des Aufstands zu gedenken, wurde das Christopher Street Liberation Day Committee gebildet. Daraus ist eine internationale Tradition geworden, im Sommer eine Demonstration für die Rechte von Schwulen und Lesben abzuhalten. Stonewall, kurz für Stonewall-Aufstand oder Stonewall-Unruhen, war eine Serie von gewalttätigen Konflikten zwischen Homosexuellen und Polizeibeamten in New York. Die ersten gewalttätigen Auseinandersetzungen fanden in der Nacht vom Freitag, 27. Juni, zum Samstag, 28. Juni 1969, ab etwa 1.20 Uhr statt, als Polizeibeamte eine Razzia im Stonewall Inn durchführten. Während dieser Nacht griff sich die Polizei zahlreiche weiblich aussehende Männer und misshandelte diese, denn es waren besonders viele Transvestiten und Drag Queens anwesend. Es sollen sich besonders viele Schwule in New York aufgehalten haben, weil zuvor die Beerdigung eines Schwulenidols stattgefunden hatte: der Schauspielerin und Sängerin Judy Garland. Allein in dieser Nacht gab es 13 Festnahmen, und vier Polizisten wurden verletzt. Die Zahl der verletzten Protestierer ist nicht bekannt. Es ist jedoch bekannt, dass mindestens zwei Personen, die Widerstand leisteten, von der Polizei schwer verletzt wurden. Die Protestierenden warfen Steine und Flaschen und skandierten „Gay Power!“. Aufgestauter Zorn und Empörung gegen die Art, wie Homosexuelle seit Jahrzehnten von der Polizei behandelt worden waren, entluden sich. Die Zahl der Protestierenden wurde auf 2.000 Personen geschätzt, gegen die 400 Polizisten eingesetzt wurden. Die Ereignisse führten zu einer breiten Solidarisierung im New Yorker Schwulenviertel, und auch in den Folgetagen leisteten die Schwulen den verstärkten Polizeitruppen erfolgreich Widerstand. Erst nach fünf Tagen beruhigte sich die Situation. Da sich erstmals eine signifikant große Gruppe von Homosexuellen der Verhaftung widersetzte, wird das Ereignis von der Lesben- und Schwulenbewegung als Wendepunkt in ihrem Kampf für Gleichbehandlung und Anerkennung angesehen. An dieses Ereignis wird jedes Jahr weltweit mit dem Christopher Street Day erinnert, auch Gay Pride oder Stonewall Day genannt.

In Deutschland gilt die Uraufführung des Films ‚Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt’ von 1970, unter der Regie von Rosa von Praunheim und Texten von Martin Dannecker bei den Berliner Filmfestspielen 1971 als Initialzünder der Schwulenbewegung. Noch im selben Jahr gründeten sich die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) und die Rote Zelle Schwul (ROTZSCHWUL) in Frankfurt. 1972 wurde in Münster die erste Schwulendemo in der Geschichte der Bundesrepublik durchgeführt. Doch es war noch ein diskussionsreicher Weg zur Organisation eines jährlichen Christopher Street Day, um an den Stonewall-Aufstand zu erinnern. Die ersten CSDs fanden 1979 in Bremen und Berlin statt. Heute in den meisten Großstädten Deutschlands. Inzwischen ist die Schwulenszene gesellschaftlich breit gefächert, ob in Parteien oder als AIDS Aktivisten und vielem mehr, so dass von einer einheitlichen Bewegung nicht gesprochen werden kann. Doch so pluralistisch wie auch die gesamte Gesellschaft sich in ihrer Vielseitigkeit darstellt, so zeigt sich das auch in den Schwulenverbänden. Ob das immer dem Anliegen für Anerkennung und Toleranz dienlich ist, bleibt hier einmal dahingestellt. Doch wenn wir auf die nächste Christoper Street Parade treffen, so sollte es unseren Blick schärfen, uns nicht nur daran zu erfreuen, sondern den Ursprungsgedanken nicht außer Acht zu lassen.

Dass hier nicht auf die Lesbenszene eingegangen wurde, hat einzig den Grund, dass das den Rahmen des Artikels gesprengt hätte. 

Weiterlesen:

Rosa Winkel · Die Verfolgung der Homosexuellen in der Zeit des Nationalsozialismus

Bild 1: Rainbowflag – Quelle: blogspot.com · Bild 2: Körperbemalung CSD – Quelle: schaumburgerzeitung.de · Bild 3: Christopher Street Day Parade – Quelle: tonight.de · Bild 3: Homosexualität – Quelle: derstandart.at

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